Dokumentarfilm
Die Gesellschaft scheint sich einzumauern. Wir beschreiben die Vergangenheit als Sündenregister und die Zukunft als Zwangslage, die Gegenwart bleibt dem Chaos überlassen. Mit Bekenntnissen und Selbstverpflichtungen versuchen wir, darin zu bestehen. Man ist erstaunt, wie sehr sich innerhalb von zehn Jahren das allgemeine Lebensgefühl derartig eintrüben konnte. Wer kann, hält es mit den Pinguinen von „Madagaskar“: Stur lächeln und winken!
Vor dem Hintergrund dieser Eintrübung suchten wir nach Filmen, die ebenso viel analytischen Gewinn wie Chancen auf gedankliche und emotionale Öffnung bieten. In ihnen geht es nicht um die Bestätigung des hinlänglich Gehörten, sondern um Beziehung inmitten von Verhältnissen, in denen alles ins Rutschen zu kommen scheint, zwischen Menschen, aber auch zwischen Menschen und ihrer Umgebung, der Welt.
Eine junge Frau lässt sich auf die Erfahrung der harten Arbeit eines Milchbauern in den Bergen ein, die beiden kommen ins Gespräch. Die pakistanischen Bergführer halten den Spagat zwischen ihrer ursprünglichen Existenz und der unvermeidlichen Transformation ihrer Kultur, man wünscht ihnen Glück dabei. Ein Weltraumhafen wird zum Anziehungspunkt von Menschen, die sich hinter den Horizont der Erde wünschen und einem Neuanfang entgegenfiebern, über den sie gern ins Gespräch gehen. Francesc und Francina sind alt und haben die Michelin-Sterne für ihr Restaurant verloren, aber aus irgendeinem Grund schöpft man etwas Zuversicht, wenn man ihrem beharrlichen Treiben zusieht.
Auch Jaques wird alt, der weit draußen in der kanadischen Wildnis für so viele Menschen zu einer Schlüsselfigur geworden war; es hat aber den Anschein, dass das Lebendige, das er den anderen vermitteln konnte, nicht umsonst gewesen ist. Der Junge Koka, der am Beringmeer mit seinem Vater in großer Armut lebt, ist doch dem Elend nicht ganz preisgegeben. Und Landi treibt es aus seiner Not in den kubanischen Busch, wo er wieder zum Jäger wird, und damit seine ausgezehrte Familie erhalten kann. Der Spielfilm Hanami, der uns in die Hände fiel, handelt von einer heranwachsenden jungen Frau, die aus einer tiefen Krise heraus wieder neuen Zugang zu ihrer Heimatinsel findet. Diese Geschichte schien uns so exemplarisch, dass wir auf einen Wettbewerbsfilm verzichteten, um dafür einen Platz zu schaffen.
Es wäre übertrieben, zu sagen, dass die Filme unserer Auswahl Hoffnung machen. Aber sie bringen Ruhe in eine atemlose Zeit, geben Raum für den Gang zu sich selbst und in die Welt, zu den anderen. Wo alte Gewissheiten schwinden, muss man in Beziehung treten. Standpunkte und Positionen sind statisch, Beziehungen aber sind beweglich.
Sven Ahlhelm
Thomas WinkelkotteKurzdokumentarfilm
Die etwa 120 Einreichungen in der Kategorie Kurzer Dokumentarfilm befassen sich mit persönlichen Schicksalen, gesellschaftlichen Herausforderungen und unterschiedlichen Modellen (Land-) wirtschaftlichen Lebens. Junge Versuche filmischer Entwicklung standen zur Auswahl, hochglänzende Präsentationen und künstlerische Experimente. Sieben dieser Filme haben uns in besonderer Weise angesprochen.
Überwiegend sind es ruhige Einstellungen die unseren genauen Blick fordern. Es sind faszinierende Bilder, Gesichter und Aussagen die uns anregen weiter zu denken, Fragen zu hören, nach Antworten zu suchen und den Wert von Raum und Leben zu schätzen. Wir freuen uns über Ihre Gedanken zu den ausgewählten Wettbewerbsfilmen im Gespräch oder in unserem Publikumsbuch.
Odilia MastKURZSPIELFILM
MayonaiÄÄÄÄÄSE! – in einem fast hysterisch fordernden Schrei nach der geschmacklichen Krönung ihrer Pommes, die der jugendlichen Hirtin Elyria in einem Imbiss in Albanien vorenthalten wird, entlädt sich alle Energie, die sie nach ihrem Ausbruch aus der traditionellen Enge und familiären Strenge ihrer dem Verfall preisgegebenen dörflichen Heimat, aber auch aus einer hoffnungslosen Liebe noch in sich hat. Und wir vor der Leinwand sehen ihr ins Gesicht und hoffen, dass sie ihre Kraftquellen wieder aufladen kann – denn für den Aufbruch nach dem Ausbruch wird sie neue Kraft brauchen, um dem golden glänzenden Horizont näher zu kommen, den die Filmemacher im strengen Schwarzweiß ihrer Erzählung aufscheinen lassen.
Ausbrüche und Aufbrüche sind zwei Themen in unserer diesjährigen Auswahl, die facettenreich erzählt werden. Da ist Milo, der junge Binnenschiffer, der sein eintöniges Leben auf dem immer nur Schrott ladenden Schubschiff unter dem Kommando seiner erschöpften Mutter, nicht mehr ertragen will und dem Sonnenuntergang entgegenrennt. Dort ist der fußballbegeisterte Sally, der in griechischen Gewächshäusern schuftet, um sich seinen Traum einer Profikariere in Spanien zu erfüllen, und darüber fasst vergisst, dass das Leben mehr ist als sein Traum – und sich auf einem Moped auf den Weg macht. Und hier steht der schmächtige iranische Junge, für den der erste Besuch im örtlichen Badehaus für Männer zur Mutprobe wird, denn kein Vater, kein älterer Bruder oder Onkel ist da, ihn in diese besondere Welt und deren Regeln einzuführen.
Ein Thema, dass alle Filme unserer Auswahl verbindet sind die Schatten, die das in den Lebensräumen der Protagonisten vielfach gebrochene Licht auf deren Gesichter zeichnen. Schatten der stillen Verzweiflung über das Verschwinden argentinischer Wälder, die Heimat waren; Schatten der Einsamkeit, da die Kinder nicht mal mehr zu Weihnachten den Weg ins Dorf im ländlichen Bulgarien finden und ihr Vater das Fest am Grab seiner Ehefrau feiert; Schatten der Verunsicherung und Fremdheit, weil die psychische Krankheit der Mutter den zarten Aufbruch ins eigene Leben einer Teenagerin bedroht; Schatten der Resignation in einem vom Zerfall bedrohten Stadtviertel in Hanoi, dass wir mit den Augen eines 10-jährigen Jungen kennenlernen, Schatten der Enttäuschung, des Zweifels und der Hoffnung in einem Dorf in Ostgrönland, in dem ein Junge mit einem Freund seinen Hund sucht; Schatten digitaler Verheißungen, die Laptopnomaden an der realen Welt einer Ferieninsel verzweifeln lassen; und die Schatten bürokratischer Abgeklärtheit an der andalusischen Grenze.
Wo Schatten sind, ist natürlich auch Licht und was wäre Film ohne Licht. In vielen unserer Filme strahlen Lichter. Zwar nicht häufig in vollem Glanz, aber hier und dort doch hell. Bei all den Schatten werfen die meisten Filme einen warmen Schein auf die Menschen in ihren Räumen.
Jonas GeldschlägerANIMATIONSFILM
Was wie eine etwas chaotische Weltreise klingt, ist tatsächlich die Liste der Länder, aus denen uns in diesem Jahr Animationsfilme erreicht haben: Deutschland, Sri Lanka, Kanada, Estland, Italien, Großbritannien, Kroatien, Ukraine, China, Finnland, Österreich, Russland, Belgien, Frankreich, Ungarn, Usbekistan…
60 insgesamt. 8 davon haben wir ausgewählt, weil uns ihre Machart besonders gefällt oder sie eine Geschichte erzählen, die uns relevant erscheint. In vielen von ihnen spielt der Ort eine zentrale und manchmal fast magische Rolle.
Dabei gelingt es den Film schaffenden immer wieder, uns mit Materialien wie Wolle, Sand, Collagen und Zeichnungen und deren ungewöhnlicher Verwendung oder Anordnung zu überraschen und mit liebevollen Details zu beeindrucken.
Die Geschichten der Filme im Wettbewerb sind so unterschiedlich wie die Länder aus denen sie kommen. Da ist die Sehnsucht der DDR Bürger nach einem HIMMEL WIE SEIDE, VOLLER ORANGEN bei ihrem ersten Flug nach Mallorca und zugleich die Angst, nicht zu diesem Ort zu passen. Passagiere einer Kreuzfahrt, die auf der Suche nach den TOP 10 THINGS TO SEE wie Kreuzritter über eine Stadt im Süden herfallen, werden dabei selbst zur Beute und ausgenommen.
MAMA MICRA lebt in ihrem kleinen Auto. Es ist ihr Zuhause und Ausdruck ihrer Unabhängigkeit. Doch als sie im Wald stecken bleibt, gerät diese Freiheit ins Wanken. Im FLOW OF BEING besteigt die sandige Protagonistin einen Elch, um aus den Begrenzungen ihres Gartens herauszukommen in die wilde Natur. In RAAF versucht der Protagonist seine traurige Vergangenheit auf einer Reise zwischen Traumlandschaften und Waldwirklichkeiten hinter sich zu lassen.
Beim Versuch, Legehennen aus einer Legebatterie zu befreien - FREE THE CHICKENS -, werden die Aktivistinnen und Aktivisten selbst auf eine Reise in die Natur geschickt, die nicht so sicher ist, wie erwartet. Basierend auf Erinnerungen an eine Wanderung durch die belgischen Ardennen, lässt das SILENT PANORAMA die Reise zu Orten, die einmal der Natur gehörten, in filigranen Zeichnungen wieder entstehen. Und dann ist da noch der Wunsch HOLD ON FOR DEAR LIFE, der das Leben derer porträtiert, die in Kriegsgebieten jeden Tag irgendwie ihren Alltag meistern dennoch, obwohl sie vermutlich gerne ganz weit fort reisen und alles hinter sich lassen würden.
So unterschiedlich diese Reisen auch sind im Mittelpunkt steht nicht das Ankommen, sondern der Weg und Aufbruch. Es geht um den Mut, einfach loszugehen, auch wenn das Ziel weder erreicht noch gestriffen wird. Gern können Sie mit unserer Auswahl aufbrechen, denn das ist eben manchmal das Wesentliche...